Kategorie: Wissenschaftskommunikation

Die zweite Hitzewelle des Jahres ist kein Ausreisser – sie zeigt, wie sich das Klima der Schweiz verändert

Kaum ist die erste Hitzewelle dieses Sommers vorbei, steckt die Schweiz bereits in der nächsten. Temperaturen deutlich über 30 Grad, tropische Nächte und ausgetrocknete Böden prägen mittlerweile den Sommer. Was früher als aussergewöhnliches Wetter galt, entwickelt sich zunehmend zur neuen Normalität.

Wer heute noch von einzelnen Hitzesommern spricht, übersieht die eigentliche Entwicklung: Das Klima der Schweiz verändert sich rasant. Die wissenschaftlichen Daten sind eindeutig – und die Folgen treffen längst nicht mehr nur ferne Regionen, sondern unsere Gesundheit, unsere Wirtschaft, unsere Infrastruktur und unseren Alltag.

Die Schweiz erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt

Die Erde hat sich seit Beginn der Industrialisierung um rund 1,3 °C erwärmt. Die Schweiz hingegen bereits um rund 2,9 °C. Damit gehört unser Land zu den Regionen Europas, die sich besonders stark erwärmen.

Die Grafik zeigt die mittlere Jahrestemperatur der Schweiz seit Messbeginn. Besonders eindrücklich ist, wie sich die Erwärmung seit den 1980er-Jahren massiv beschleunigt. Quelle: MeteoSchweiz

Der Grund liegt unter anderem darin, dass sich Landflächen schneller erwärmen als Ozeane und Gebirgsregionen besonders sensibel auf den Klimawandel reagieren. Die Alpen verändern sich sichtbar: Gletscher schmelzen in Rekordtempo, der Permafrost taut auf und die Schneesaison verkürzt sich kontinuierlich.

Mit steigenden Durchschnittstemperaturen nehmen vor allem die Extremereignisse zu. Genau dies beschreibt der Weltklimarat IPCC seit Jahren: Nicht nur wird es wärmer – Hitzewellen, Starkniederschläge, Dürren und andere Wetterextreme treten häufiger und intensiver auf.

Mit jedem zusätzlichen Grad Erwärmung nehmen Häufigkeit und Intensität extremer Hitze stark zu. Quelle: IPCC

Die zweite Hitzewelle dieses Sommers ist deshalb kein Zufall, sondern Ausdruck dieser langfristigen Entwicklung.

Hitze kostet Menschenleben

Hitze ist längst die tödlichste Naturgefahr Europas. Bereits im Hitzesommer 2003 starben in der Schweiz nahezu 1’000 Menschen vorzeitig an den Folgen der extremen Temperaturen. Auch in den Hitzesommern 2015, 2018 und den vergangenen Jahren wurden jeweils mehrere hundert hitzebedingte Todesfälle registriert.

Besonders betroffen sind ältere Menschen, Personen mit Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen sowie Menschen, die im Freien arbeiten. Gleichzeitig steigen Risiken wie Dehydrierung, Nierenprobleme, Herzinfarkte oder Hitzeschläge deutlich an.

Die Schweiz hat zwar mit Hitzeaktionsplänen und besserer Information Fortschritte gemacht. Doch je häufiger und länger Hitzewellen auftreten, desto schwieriger wird es, diese gesundheitlichen Folgen vollständig zu verhindern.

Die wirtschaftlichen Kosten steigen rasant

Oft wird über die Kosten des Klimaschutzes diskutiert. Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten dagegen die Kosten des Nicht-Handelns.

Kosten von Naturkatastrophen anhand von Daten von SwissRe. Quelle: globalventuring.com

Dabei entstehen diese bereits heute. Bei hohen Temperaturen sinkt die Produktivität am Arbeitsplatz messbar. Konzentration und Leistungsfähigkeit nehmen ab, körperlich anstrengende Arbeiten werden gefährlicher und Arbeitsunfälle häufen sich.

Schätzungen gehen davon aus, dass allein die hitzebedingten Produktivitätsverluste die Schweizer Volkswirtschaft bereits heute jedes Jahr mehrere hundert Millionen Franken kosten. Mit häufigeren Hitzetagen dürften sich diese Schäden in den kommenden Jahrzehnten vervielfachen. Hinzu kommen steigende Energiekosten für Kühlung, Belastungen des Gesundheitswesens sowie Ernteausfälle in der Landwirtschaft.

Unsere Infrastruktur ist nicht für das neue Klima gebaut

Viele Schweizer Gebäude wurden für kalte Winter optimiert – nicht für immer heissere Sommer. Wohnungen verwandeln sich zunehmend in Hitzefallen. Schulen, Altersheime und Spitäler geraten an ihre Grenzen. Gleichzeitig leiden Strassen unter Verformungen durch hohe Temperaturen, Bahngleise müssen häufiger überwacht und gekühlt werden und die Stromproduktion wird durch warme Flüsse oder Wasserknappheit beeinträchtigt.

Auch Naturgefahren nehmen zu. Mit dem Rückzug der Gletscher und dem Auftauen des Permafrosts steigt das Risiko von Felsstürzen und Murgängen. Gleichzeitig führen längere Trockenperioden dazu, dass ausgetrocknete Böden Starkregen schlechter aufnehmen können – Überschwemmungen und Sturzfluten werden dadurch wahrscheinlicher.

Anteil von Naturgefahren betroffener Wohngebäude nach Kanton. Quelle: Zürcher Kantonalbank

Die Ereignisse der vergangenen Jahre – von verheerenden Unwettern bis zum Bergsturz von Blatten – zeigen eindrücklich, dass diese Risiken längst Realität sind.

Karten von Trends der Starkniederschläge in der Schweiz für die Periode 1901-2023 an knapp 200 Messstationen von MeteoSchweiz. Links: Änderung der Intensität (stärkster Tagesniederschlag pro Jahr), rechts:
Änderung der Häufigkeit (Anzahl Tagesniederschläge über dem 99. Perzentil 1991-2020). Zunehmende Trends sind in grün, abnehmende in braun dargestellt.
Besonders deutliche Trends sind als gefüllte Kreise dargestellt. Trends in Prozent pro 10 Jahre, Angaben in rot: Mittlere Änderungen über die gesamte Periode. Quelle: MeteoSchweiz

Landwirtschaft zwischen Trockenheit und Extremwetter

Auch die Landwirtschaft steht vor gewaltigen Herausforderungen. Längere Trockenperioden erhöhen den Bewässerungsbedarf, gleichzeitig nehmen Starkniederschläge zu und können ganze Ernten zerstören. Neue Pflanzen- und Rebsorten helfen zwar teilweise bei der Anpassung, können die Auswirkungen extremer Hitze aber nicht vollständig kompensieren.

Auch die Tierhaltung benötigt zunehmend Investitionen in Beschattung, Kühlung und ausreichende Wasserversorgung. Damit geht es nicht nur um wirtschaftliche Schäden, sondern letztlich auch um die Ernährungssicherheit.

Die Wissenschaft wird immer deutlicher

Während frühere Studien davon ausgingen, dass wohlhabende Länder wie die Schweiz vergleichsweise glimpflich davonkommen würden, zeichnet die aktuelle Forschung ein anderes Bild.

Neue ökonomische Modelle berücksichtigen heute besser die Folgen extremer Wetterereignisse sowie die weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen.

Aktuelle Arbeiten kommen deshalb zu deutlich höheren Schadensschätzungen als noch vor wenigen Jahren. Je nach Szenario könnte eine weitere Erwärmung langfristig einen zweistelligen Prozentanteil der globalen Wirtschaftsleistung kosten – auch Industrieländer wären erheblich betroffen.

Die zentrale Erkenntnis lautet: Die wirtschaftlichen Risiken des Klimawandels wurden wahrscheinlich über Jahrzehnte unterschätzt.

Klimaschutz und Klimaanpassung gehören zusammen

Selbst wenn die weltweiten Emissionen rasch sinken, werden weitere Temperaturanstiege in den kommenden Jahrzehnten nicht vollständig vermeidbar sein.

Deshalb braucht es zwei Strategien gleichzeitig. Erstens müssen die Treibhausgasemissionen konsequent reduziert werden, damit sich die Erwärmung möglichst begrenzen lässt. Und zweitens spart jeder Franken, der heute in Klimaschutz und Klimaanpassung investiert wird, morgen ein Vielfaches an Reparatur-, Gesundheits- und Schadenskosten. Der neue Planungsbericht Klima und Energie des Kantons Luzern erkennt dies und schlägt genau diese beiden Schienen vor. Allerdings ist deren Unsetzung vom parlamentarischen Willen abhängig, hier entsprechend finanzielle und vor allem Personalressourcen zu sprechen.

Die eigentliche Frage lautet nicht mehr, ob der Klimawandel teuer wird

Die zweite Hitzewelle dieses Sommers führt uns eindrücklich vor Augen, dass der Klimawandel längst in der Schweiz angekommen ist.

Zweitens müssen wir unsere Städte, Gebäude und Infrastrukturen an das bereits veränderte Klima anpassen. Mehr Bäume und Grünflächen, entsiegelte Plätze, hitzeresistente Gebäude, ausreichender Hochwasserschutz sowie eine vorausschauende Raumplanung sind keine Luxusprojekte. Sie sind Investitionen, die zukünftige Schäden vermeiden.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob uns der Klimawandel Milliarden kostet. Sondern ob wir dieses Geld vorausschauend in Lösungen investieren – oder später ein Vielfaches für die Folgen bezahlen. Die Wissenschaft lässt daran kaum Zweifel: Nichthandeln ist die teuerste Option.

Quellen

Von Rosenkohl, Bots und der Frage, wie wir heute politische Debatten führen

Ein kleines Experiment mit erstaunlichem Ergebnis

Wer in den letzten Wochen Beiträge zur Abstimmung über die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative auf Facebook verfolgt hat, konnte ein interessantes Phänomen beobachten.

Unter zahlreichen Beiträgen erschienen immer wieder sehr ähnliche Kommentare. Oft waren es dieselben Schlagworte, dieselben Argumentationsmuster oder sogar identische Formulierungen. Dazu kamen generische KI-generierte Bilder, die von unterschiedlichen Accounts gepostet wurden. Viele dieser Accounts wirkten auf den ersten Blick wenig authentisch: kaum persönliche Inhalte, auffällige Aktivitätsmuster und eine starke Fokussierung auf ein einzelnes politisches Thema.

Natürlich beweist dies für sich allein noch nichts. Politisch engagierte Menschen dürfen dieselben Argumente vertreten. Parteien und Komitees koordinieren ihre Kommunikation seit jeher. Doch die Häufung der Beobachtungen weckte meine Neugier.

Also entschied ich mich für ein kleines Experiment.

Der Honigtopf

Die Grundidee war einfach.

Wenn tatsächlich viele Accounts automatisiert oder zumindest halbautomatisiert auf bestimmte Reizwörter, Bilder oder Kampagnensignale reagieren, müsste es möglich sein, sie mit einem völlig sinnlosen Inhalt anzulocken.

Ich veröffentlichte deshalb einen Beitrag mit der frei erfundenen Parole:

«Nein zu Rosenkohl am 14. Juni.»

Der Beitrag hatte keinen Bezug zur Abstimmungsvorlage. Es ging weder um Migration noch um Bevölkerungswachstum noch um irgendein politisches Sachthema. Die Aussage war bewusst absurd gewählt.

Gleichzeitig orientierte sich die Gestaltung lose an bekannten Abstimmungskampagnen. Das Datum stimmte mit dem Abstimmungssonntag überein. Der Aufbau erinnerte an politische Kampagnenbotschaften. Inhaltlich jedoch ging es ausschliesslich um Rosenkohl.

Das „Abstimmungsplakat“

Mit anderen Worten: Wer den Beitrag tatsächlich las, konnte unmöglich zu dem Schluss kommen, es handle sich um eine Stellungnahme zur Initiative.

Was danach geschah

Das Resultat überraschte selbst mich.

Bereits nach kurzer Zeit erschienen in den Kommentaren KI-generierte Kampagnenbilder zur «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative.

Weitere Accounts reagierten mit typischen Ja-Parolen. Einige posteten Argumente zugunsten der Initiative. Andere beschimpften mich direkt oder warfen mir vor, gegen die Schweiz oder gegen die Interessen der Bevölkerung zu handeln.

Später folgten sogar wütende und teilweise aggressive Nachrichten an meinen geschäftlichen E-Mail-Account.

Der bemerkenswerte Punkt dabei:

Der ursprüngliche Beitrag erwähnte die Initiative mit keinem einzigen Wort.

Trotzdem reagierten zahlreiche Personen so, als würden sie an einer politischen Debatte über genau diese Vorlage teilnehmen.

Inzwischen erreichte der Beitrag mehrere Tausend Personen und löste weit über hundert Reaktionen und Wortmeldungen aus.

Das Experiment funktionierte damit genau so, wie es gedacht war.

Eindrücke aus der Kommentarspalte zum Beitrag

Was das Experiment zeigt – und was nicht

Wichtig ist eine saubere Einordnung.

Mein Experiment beweist nicht, dass sämtliche beteiligten Accounts Bots sind.

Es beweist auch nicht, dass eine politische Partei oder ein Abstimmungskomitee solche Accounts steuert.

Diese Behauptungen wären ohne weitergehende Untersuchungen nicht haltbar.

Was das Experiment jedoch sehr wohl zeigt, ist etwas anderes:

Ein Teil der politischen Kommunikation in sozialen Medien scheint heute nicht mehr vom tatsächlichen Inhalt eines Beitrags auszugehen.

Stattdessen reagieren manche Accounts offenbar auf äussere Signale, Schlagworte, visuelle Muster oder bereits laufende Kommentarstränge.

Dadurch entsteht eine Dynamik, bei der Inhalte zweitrangig werden. Entscheidend ist nicht mehr, was gesagt wird, sondern welchem Lager ein Beitrag zugerechnet wird.

Genau deshalb konnte ein Beitrag über Rosenkohl plötzlich zur Projektionsfläche für eine völlig andere politische Debatte werden.

Die Rolle von KI und Automatisierung

Die Entwicklung fällt in eine Zeit, in der die Hürden für automatisierte Kommunikation drastisch gesunken sind.

Mit heutigen KI-Werkzeugen lassen sich innert Sekunden Kommentare, Bilder, Memes und ganze Kampagneninhalte erstellen.

Auch die Verwaltung mehrerer Accounts ist technisch einfacher denn je.

Nicht jede standardisierte Botschaft stammt deshalb automatisch von einem Bot. Oft genügt bereits eine Kombination aus Vorlagen, Copy-Paste-Kommunikation und KI-generierter Inhaltserstellung, um den Eindruck einer grossen und spontanen Bewegung zu erzeugen.

Für die Wahrnehmung der Öffentlichkeit macht dies jedoch oft kaum einen Unterschied.

Wer eine Kommentarspalte besucht, sieht vor allem die Masse der Wortmeldungen. Ob diese von hundert unabhängigen Personen stammen oder von wenigen besonders aktiven Akteuren mit technischen Hilfsmitteln, lässt sich häufig nicht erkennen.

Warum das demokratiepolitisch problematisch ist

Demokratie lebt von Meinungsvielfalt.

Sie lebt davon, dass unterschiedliche Argumente aufeinandertreffen und Menschen ihre Positionen aufgrund von Fakten, Erfahrungen und Überzeugungen bilden können.

Wenn Kommentarspalten jedoch zunehmend von standardisierten Botschaften dominiert werden, verändert sich diese Debatte.

Es entsteht der Eindruck überwältigender Zustimmung oder Ablehnung, selbst wenn die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse viel differenzierter sind.

Menschen orientieren sich nachweislich an sozialer Bestätigung. Wenn sie den Eindruck erhalten, eine Position sei offensichtlich die Mehrheitsmeinung, beeinflusst dies ihre Wahrnehmung.

Gerade deshalb sind künstlich verstärkte Debatten problematisch.

Sie ersetzen keine demokratische Diskussion. Sie simulieren lediglich deren Lautstärke.

Eine unerwartete Erkenntnis

Die vielleicht spannendste Erkenntnis meines kleinen Rosenkohl-Experiments ist eine andere.

Viele der beteiligten (echten) Personen handelten vermutlich nicht aus böser Absicht.

Sie reagierten schlicht auf Signale, die sie aus ihrem politischen Umfeld kannten. Manche dürften den Beitrag gar nie vollständig gelesen haben.

Das zeigt, wie stark soziale Medien unsere Aufmerksamkeit inzwischen fragmentieren.

Wir reagieren immer häufiger auf Symbole, Schlagworte und Zugehörigkeiten statt auf Inhalte.

Der Rosenkohl wurde so unfreiwillig zum Spiegel unserer digitalen Debattenkultur.

Mein eigentlicher Beitrag zur Initiative

Fazit

Das Experiment begann als kleine Spielerei und endete als aufschlussreiche Beobachtung darüber, wie politische Kommunikation im Zeitalter von sozialen Medien und künstlicher Intelligenz funktioniert.

Ob Bots, halbautomatisierte Accounts oder einfach Menschen, die reflexartig auf bekannte Muster reagieren: Das Ergebnis bleibt dasselbe.

Eine demokratische Öffentlichkeit kann nur funktionieren, wenn Inhalte wichtiger bleiben als Reflexe.

Wer auf einen Beitrag gegen Rosenkohl mit vorgefertigten Parolen zur 10-Millionen-Initiative antwortet, zeigt unfreiwillig, wie weit wir uns teilweise bereits von einer echten Auseinandersetzung mit Argumenten entfernt haben.

Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich wieder genauer lesen, bevor wir kommentieren.

Selbst dann, wenn es nur um Rosenkohl geht.

Mein Votum im Kantonsrat zu den Auswirkungen der Initiative.

Zwischen Diskussion und digitalem Dauerfeuer: Was die Debatte zur 10-Millionen-Initiative über unsere politische Kultur sagt

Als Politiker braucht man eine dicke Haut. Das gehört dazu. Wer öffentlich politisiert, muss Widerspruch aushalten. Harte Kritik ebenso. Und ja: Auch Polemik ist Teil der Demokratie. Aber was derzeit unter vielen Beiträgen zur 10-Millionen-Initiative passiert, hat mit echter Debattenkultur oft nur noch am Rande zu tun.

In den letzten Tagen sind unter den Beiträgen, die ich verwalte, hunderte Kommentare eingegangen. Die allermeisten davon folgen erstaunlich ähnlichen Mustern: Dieselben copy-paste Texte, dieselben Schlagworte, dieselben (oft faktenfreien) Behauptungen und oft wortwörtlich identisch wie unter dutzenden anderen Beiträgen.

Das allein wäre noch kein Problem. Politik lebt schliesslich von Wiederholung und Zuspitzung. Was mich aber zunehmend beschäftigt, ist etwas anderes: Die Bereitschaft, überhaupt noch auf Argumente einzugehen, scheint vielerorts komplett verschwunden zu sein.

Auch die Luzerner Zeitung berichtet in einem Leitartikel über die zunehmende Verrohung in politischen Online-Debatten.


Die Debatte als Endlosschlaufe

Ich habe mir bewusst die Mühe gemacht, auf sehr viele dieser Kommentare sachlich zu antworten. Nicht mit Empörung. Nicht mit Häme. Sondern mit Zahlen, Einordnung und Gegenargumenten.

Was danach oft passiert ist: Entweder kam gar keine Reaktion mehr, das Thema wurde einfach gewechselt, es folgte die nächste pauschale Behauptung oder es gab persönliche Angriffe.

Das Muster ist erstaunlich konstant: Man beantwortet einen Punkt – und sofort kommt der nächste ohne darauf einzugehen. Wie bei einem Bossfight in einem Videospiel, bei dem ständig neue Gegner spawnen, egal wie viele Argumente man gerade erledigt hat. Es geht oft gar nicht mehr darum, eine Position zu prüfen oder eine Diskussion zu führen. Es geht darum, möglichst laut zu senden.

Und irgendwann stellt sich schon die Frage: Diskutieren wir überhaupt noch miteinander – oder reden wir einfach nur noch aneinander vorbei?

„Andere Meinungen zulassen“ bedeutet nicht: alles widerspruchslos hinnehmen

Besonders spannend wird es jeweils dann, wenn Menschen, die andere permanent beschimpfen, gleichzeitig behaupten, man lasse „keine andere Meinung“ zu. Doch Meinungsfreiheit bedeutet nicht dass niemand widersprechen darf, dass Fakten keine Rolle mehr spielen oder dass jede Behauptung automatisch gleich viel wert ist.

Und sie bedeutet erst recht nicht, dass öffentliche Personen alles kommentarlos über sich ergehen lassen müssen. Denn hinter jedem politischen Profil sitzt ein Mensch. Mit Familie. Mit Freunden. Mit einem Wochenende. Mit einem Leben ausserhalb von Kommentarspalten. Das scheint im digitalen Raum manchmal komplett vergessen zu gehen.

Ein paar der Kommentare, die mich und andere Gegner:innen der „Keine 10-Millionen Schweiz“-Initiative in den letzten Tagen erreicht haben.

Die Enthemmung im Netz

Was viele im direkten Gespräch niemals sagen würden, wird online plötzlich problemlos geschrieben: Persönliche Beschimpfungen, Unterstellungen, teils offene Drohungen oder schlicht menschenverachtende Aussagen.

Das ist kein exklusives Problem einer einzigen politischen Richtung. Aber in aufgeheizten Debatten nimmt diese Dynamik massiv zu. Algorithmen belohnen Zuspitzung. Empörung erzeugt Reichweite. Differenzierung dagegen ungefähr so viel Aufmerksamkeit wie eine Steuererklärung. Und genau dadurch entsteht ein toxischer Kreislauf: Je schriller der Ton, desto sichtbarer wird er. Je sichtbarer er wird, desto normaler erscheint er.

Tele1 hat mich im Zusammenhang mit der Debattenkultur zur „Keine 10-Millionen“-Schweiz interviewt.

Das Märchen von der „unterdrückten Meinung“

Besonders absurd wird es, wenn Menschen unter einem öffentlichen Beitrag kommentieren, beleidigen, dutzendfach antworten, andere anschreien und danach behaupten, sie dürften „nichts mehr sagen“ oder „man hätte halt keine Argumente“ wenn man die Kommentarfunktion schliesst.

Das ist ungefähr so überzeugend wie jemand, der mit Megafon auf einem Dorfplatz steht und sich gleichzeitig darüber beklagt, mundtot gemacht zu werden. Natürlich darf man kritisieren. Natürlich darf man anderer Meinung sein. Natürlich darf man auch emotional argumentieren. Aber Demokratie funktioniert nicht nur über Lautstärke. Sondern auch über die Bereitschaft, andere Perspektiven wenigstens anzuhören.

Politik braucht Streit – aber nicht Verrohung

Demokratie lebt vom Konflikt. Das war schon immer so. Es wäre sogar gefährlich, wenn alle immer derselben Meinung wären. Aber: Es gibt einen Unterschied zwischen hartem politischen Streit und systematischer Verrohung. Wenn Diskussionen nur noch daraus bestehen, andere niederzuschreien, Fakten reflexartig als „Lügen“ abzutun, jede Gegenposition als Verrat darzustellen, und Menschen persönlich anzugreifen, dann verlieren am Ende alle: Die politische Kultur. Die Bereitschaft zum Dialog. Und irgendwann auch das Vertrauen in demokratische Prozesse selbst.

Manche finden, öffentliche Personen müssten so etwas einfach aushalten. Und ja: Ein gewisses Mass gehört dazu. Aber ich halte es für falsch, diese Entwicklung einfach stillschweigend hinzunehmen. Denn viele Menschen sehen nur den politischen Beitrag, die zugespitzte Debatte, die Schlagzeile. Sie sehen oft nicht, wie viel Aggression dahinter steckt, wie schnell Diskussionen entgleisen, und wie normalisiert Beschimpfungen inzwischen geworden sind. Und nein: Nur weil etwas öffentlich gepostet wird, verliert man nicht jedes Recht auf Anstand.

Ich werde weiterhin diskutieren. Ich werde weiterhin zuhören. Und ich werde weiterhin versuchen, sachlich zu argumentieren – auch bei schwierigen Themen. Aber ich werde sicher nicht so tun, als wäre die aktuelle Debattenkultur einfach „normal“ oder harmlos. Demokratie braucht Streit, ja, dieser hilft einen Konsens zu finden. Aber sie braucht genauso Respekt, Fakten und die Fähigkeit, andere Menschen nicht nur noch als Feindbild wahrzunehmen. Sonst endet Politik irgendwann wie Twitter im Jahr 2022: Viel Lärm. Wenig Erkenntnis. Und alle permanent wütend.

Vorsorge statt Verdrängung – Warum ich JA zum Klimafonds sage

Die Schweiz ist vom Klimawandel besonders stark betroffen. Als Binnenland mit sensiblen Alpenräumen, dicht besiedelten Tälern und einer vielfältigen Topographie erwärmt sich unser Land deutlich stärker als der globale Durchschnitt. Die Folgen sind längst sichtbar – schmelzende Gletscher, instabile Berghänge, zunehmende Extremniederschläge und Hitzeperioden.

Wichtige Veränderungen des Schweizer Klimas basierend auf Beobachtungsdaten. (BAFU/MeteoSchweiz (2020), aufdatiert und angepasst)

Ereignisse wie in Blatten oder Brienz sind keine isolierten Naturphänomene. Sie stehen in direktem Zusammenhang mit einer Entwicklung, die sich wissenschaftlich seit Jahren klar abzeichnet. Extremwetterereignisse nehmen zu – in Häufigkeit und Intensität. Sie setzen unsere Ökosysteme unter enormen Druck und stellen gleichzeitig unsere Infrastruktur vor immense Herausforderungen: Verkehrswege, Siedlungen, Energieversorgung und Landwirtschaft sind zunehmend exponiert.

Investieren, bevor es uns überrollt

Die Klimafonds-Initiative setzt genau hier an. Sie will die finanziellen Mittel bereitstellen, damit wir als Gesellschaft diesen Herausforderungen vorausschauend begegnen können.

Ja, das kostet Geld. Aber die Alternative – wegschauen, verharmlosen, nur das absolut Nötigste tun – kommt uns langfristig um ein Vielfaches teurer zu stehen. Jeder Franken, den wir heute in Prävention, Anpassung und Innovation investieren, spart uns morgen ein Mehrfaches an Schadensbehebung, Wiederaufbau, ökologischen und volkswirtschaftlichen Verlusten.

Vorsorge ist keine Ideologie. Sie ist solide Finanzpolitik.

Ein Infrastrukturprojekt für die Zukunft

Der Klimafonds ist im Kern ein Infrastrukturprojekt. Vergleichbar mit dem Bau von Staudämmen zur Sicherung unserer Energieversorgung oder dem gezielten Ausbau der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur, die ebenfalls durch langfristige, strategische Investitionen ermöglicht wurden.

Wir stärken präventiv unsere Resilienz gegenüber den massiven Auswirkungen des Klimawandels. Wir investieren in:

  • den Schutz unserer Naturräume, damit Wälder, Gewässer und Böden Extremereignisse besser abfedern können,
  • die Anpassung unserer Infrastruktur an neue klimatische Realitäten,
  • den massiven und nachhaltigen Ausbau der lokalen Energieproduktion,
  • die Reduktion unserer Abhängigkeit von fossilen Energieimporten.

Gerade als Hochtechnologieland sind wir prädestiniert, hier voranzugehen. Wir verfügen über das Know-how, die Innovationskraft und die Bildungsinstitutionen, um klimafreundliche Technologien weiterzuentwickeln und marktfähig zu machen. Der Klimafonds schafft die nötigen Rahmenbedingungen, damit aus Forschung konkrete Wertschöpfung wird.

Stärkung von Wirtschaft und Bildungsstandort

Klimapolitik ist keine Wachstumsbremse – sie ist eine Zukunftsinvestition. Wer heute in erneuerbare Energien, Speichertechnologien, Gebäudesanierungen, nachhaltige Mobilität und Kreislaufwirtschaft investiert, stärkt morgen den Wirtschaftsstandort Schweiz.

Gleichzeitig rüsten wir unser Bildungswesen für die Zukunft: Neue Berufsfelder entstehen, bestehende verändern sich. Der Klimafonds ermöglicht Planungssicherheit – für Unternehmen, Hochschulen, Berufsbildung und Kantone.

Verantwortung übernehmen

Die Fakten liegen auf dem Tisch. Die Entwicklungen sind real. Und die Kosten des Nichtstuns sind enorm.

Wir können entweder reagieren, wenn die Schäden bereits angerichtet sind – oder wir können vorausschauend handeln.

Für mich ist klar: Vorsorge ist besser als Nachsorge. Darum stimme ich überzeugt JA zum Klimafonds.

Schweizer Temperatur seit 1864. Jedes Jahr hat eine andere Farbe. In rot codierte Jahre sind wärmer, blaue kälter als der Durchschnitt der Jahre 1961-1990. Quelle: MeteoSchweiz

In meinem Element

Unten findet sich ein Bild, welches meine Leidenschaft für das was ich tue, schön zeigt. Ich habe das grosse Privileg, dass ich beruflich meine Begeisterung für ein Thema anderen Menschen weitergeben kann und darf. Gerne vergleiche ich das mit einer lodernden Flamme, die in den Köpfen der Besucher:innen im Planetarium fruchtbaren Boden findet und auch dort zu brennen beginnt. Wenn wir unter der Kuppel unseren Job richtig machen, inspirieren wir tagtäglich Leute für Naturwissenschaften und Technik – aber auch für Kunst und die Schönheit des Universums.

Ich frage mich gelegentlich, wie viele Leute wir wohl inspiriert haben über die Jahre, sich näher mit unserer Passion auseinander zu setzen, wie viele Personen durch einen Besuch im Planetarium eine andere Sicht auf unser Dasein und unseren Platz im Kosmos gewonnen haben. Ich denke, es sind nicht wenige. Dieser Gedanke hält meine Motivation sehr hoch, weiterhin mit Herzblut das zu tun, was glücklicherweise mein Job und meine Leidenschaft gleichzeitig ist.