Kaum ist die erste Hitzewelle dieses Sommers vorbei, steckt die Schweiz bereits in der nächsten. Temperaturen deutlich über 30 Grad, tropische Nächte und ausgetrocknete Böden prägen mittlerweile den Sommer. Was früher als aussergewöhnliches Wetter galt, entwickelt sich zunehmend zur neuen Normalität.
Wer heute noch von einzelnen Hitzesommern spricht, übersieht die eigentliche Entwicklung: Das Klima der Schweiz verändert sich rasant. Die wissenschaftlichen Daten sind eindeutig – und die Folgen treffen längst nicht mehr nur ferne Regionen, sondern unsere Gesundheit, unsere Wirtschaft, unsere Infrastruktur und unseren Alltag.
Die Schweiz erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt
Die Erde hat sich seit Beginn der Industrialisierung um rund 1,3 °C erwärmt. Die Schweiz hingegen bereits um rund 2,9 °C. Damit gehört unser Land zu den Regionen Europas, die sich besonders stark erwärmen.

Die Grafik zeigt die mittlere Jahrestemperatur der Schweiz seit Messbeginn. Besonders eindrücklich ist, wie sich die Erwärmung seit den 1980er-Jahren massiv beschleunigt. Quelle: MeteoSchweiz
Der Grund liegt unter anderem darin, dass sich Landflächen schneller erwärmen als Ozeane und Gebirgsregionen besonders sensibel auf den Klimawandel reagieren. Die Alpen verändern sich sichtbar: Gletscher schmelzen in Rekordtempo, der Permafrost taut auf und die Schneesaison verkürzt sich kontinuierlich.
Mit steigenden Durchschnittstemperaturen nehmen vor allem die Extremereignisse zu. Genau dies beschreibt der Weltklimarat IPCC seit Jahren: Nicht nur wird es wärmer – Hitzewellen, Starkniederschläge, Dürren und andere Wetterextreme treten häufiger und intensiver auf.

Die zweite Hitzewelle dieses Sommers ist deshalb kein Zufall, sondern Ausdruck dieser langfristigen Entwicklung.
Hitze kostet Menschenleben
Hitze ist längst die tödlichste Naturgefahr Europas. Bereits im Hitzesommer 2003 starben in der Schweiz nahezu 1’000 Menschen vorzeitig an den Folgen der extremen Temperaturen. Auch in den Hitzesommern 2015, 2018 und den vergangenen Jahren wurden jeweils mehrere hundert hitzebedingte Todesfälle registriert.
Besonders betroffen sind ältere Menschen, Personen mit Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen sowie Menschen, die im Freien arbeiten. Gleichzeitig steigen Risiken wie Dehydrierung, Nierenprobleme, Herzinfarkte oder Hitzeschläge deutlich an.
Die Schweiz hat zwar mit Hitzeaktionsplänen und besserer Information Fortschritte gemacht. Doch je häufiger und länger Hitzewellen auftreten, desto schwieriger wird es, diese gesundheitlichen Folgen vollständig zu verhindern.
Die wirtschaftlichen Kosten steigen rasant
Oft wird über die Kosten des Klimaschutzes diskutiert. Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten dagegen die Kosten des Nicht-Handelns.

Dabei entstehen diese bereits heute. Bei hohen Temperaturen sinkt die Produktivität am Arbeitsplatz messbar. Konzentration und Leistungsfähigkeit nehmen ab, körperlich anstrengende Arbeiten werden gefährlicher und Arbeitsunfälle häufen sich.
Schätzungen gehen davon aus, dass allein die hitzebedingten Produktivitätsverluste die Schweizer Volkswirtschaft bereits heute jedes Jahr mehrere hundert Millionen Franken kosten. Mit häufigeren Hitzetagen dürften sich diese Schäden in den kommenden Jahrzehnten vervielfachen. Hinzu kommen steigende Energiekosten für Kühlung, Belastungen des Gesundheitswesens sowie Ernteausfälle in der Landwirtschaft.
Unsere Infrastruktur ist nicht für das neue Klima gebaut
Viele Schweizer Gebäude wurden für kalte Winter optimiert – nicht für immer heissere Sommer. Wohnungen verwandeln sich zunehmend in Hitzefallen. Schulen, Altersheime und Spitäler geraten an ihre Grenzen. Gleichzeitig leiden Strassen unter Verformungen durch hohe Temperaturen, Bahngleise müssen häufiger überwacht und gekühlt werden und die Stromproduktion wird durch warme Flüsse oder Wasserknappheit beeinträchtigt.
Auch Naturgefahren nehmen zu. Mit dem Rückzug der Gletscher und dem Auftauen des Permafrosts steigt das Risiko von Felsstürzen und Murgängen. Gleichzeitig führen längere Trockenperioden dazu, dass ausgetrocknete Böden Starkregen schlechter aufnehmen können – Überschwemmungen und Sturzfluten werden dadurch wahrscheinlicher.

Die Ereignisse der vergangenen Jahre – von verheerenden Unwettern bis zum Bergsturz von Blatten – zeigen eindrücklich, dass diese Risiken längst Realität sind.

Änderung der Häufigkeit (Anzahl Tagesniederschläge über dem 99. Perzentil 1991-2020). Zunehmende Trends sind in grün, abnehmende in braun dargestellt.
Besonders deutliche Trends sind als gefüllte Kreise dargestellt. Trends in Prozent pro 10 Jahre, Angaben in rot: Mittlere Änderungen über die gesamte Periode. Quelle: MeteoSchweiz
Landwirtschaft zwischen Trockenheit und Extremwetter
Auch die Landwirtschaft steht vor gewaltigen Herausforderungen. Längere Trockenperioden erhöhen den Bewässerungsbedarf, gleichzeitig nehmen Starkniederschläge zu und können ganze Ernten zerstören. Neue Pflanzen- und Rebsorten helfen zwar teilweise bei der Anpassung, können die Auswirkungen extremer Hitze aber nicht vollständig kompensieren.
Auch die Tierhaltung benötigt zunehmend Investitionen in Beschattung, Kühlung und ausreichende Wasserversorgung. Damit geht es nicht nur um wirtschaftliche Schäden, sondern letztlich auch um die Ernährungssicherheit.
Die Wissenschaft wird immer deutlicher
Während frühere Studien davon ausgingen, dass wohlhabende Länder wie die Schweiz vergleichsweise glimpflich davonkommen würden, zeichnet die aktuelle Forschung ein anderes Bild.
Neue ökonomische Modelle berücksichtigen heute besser die Folgen extremer Wetterereignisse sowie die weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen.
Aktuelle Arbeiten kommen deshalb zu deutlich höheren Schadensschätzungen als noch vor wenigen Jahren. Je nach Szenario könnte eine weitere Erwärmung langfristig einen zweistelligen Prozentanteil der globalen Wirtschaftsleistung kosten – auch Industrieländer wären erheblich betroffen.
Die zentrale Erkenntnis lautet: Die wirtschaftlichen Risiken des Klimawandels wurden wahrscheinlich über Jahrzehnte unterschätzt.

Klimaschutz und Klimaanpassung gehören zusammen
Selbst wenn die weltweiten Emissionen rasch sinken, werden weitere Temperaturanstiege in den kommenden Jahrzehnten nicht vollständig vermeidbar sein.
Deshalb braucht es zwei Strategien gleichzeitig. Erstens müssen die Treibhausgasemissionen konsequent reduziert werden, damit sich die Erwärmung möglichst begrenzen lässt. Und zweitens spart jeder Franken, der heute in Klimaschutz und Klimaanpassung investiert wird, morgen ein Vielfaches an Reparatur-, Gesundheits- und Schadenskosten. Der neue Planungsbericht Klima und Energie des Kantons Luzern erkennt dies und schlägt genau diese beiden Schienen vor. Allerdings ist deren Unsetzung vom parlamentarischen Willen abhängig, hier entsprechend finanzielle und vor allem Personalressourcen zu sprechen.
Die eigentliche Frage lautet nicht mehr, ob der Klimawandel teuer wird
Die zweite Hitzewelle dieses Sommers führt uns eindrücklich vor Augen, dass der Klimawandel längst in der Schweiz angekommen ist.
Zweitens müssen wir unsere Städte, Gebäude und Infrastrukturen an das bereits veränderte Klima anpassen. Mehr Bäume und Grünflächen, entsiegelte Plätze, hitzeresistente Gebäude, ausreichender Hochwasserschutz sowie eine vorausschauende Raumplanung sind keine Luxusprojekte. Sie sind Investitionen, die zukünftige Schäden vermeiden.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob uns der Klimawandel Milliarden kostet. Sondern ob wir dieses Geld vorausschauend in Lösungen investieren – oder später ein Vielfaches für die Folgen bezahlen. Die Wissenschaft lässt daran kaum Zweifel: Nichthandeln ist die teuerste Option.
Quellen
- Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), Sixth Assessment Report (AR6), Working Group I und II (2021/2022).
- MeteoSchweiz: Klimawandel Schweiz – Temperaturentwicklung und Klimaszenarien CH2025.
- NCCS – National Centre for Climate Services: CH2025 Climate Scenarios for Switzerland.
- Waidelich P, Batibeniz F, Rising J, Kikstra, J S, Seneviratne, SI: Climate damage projections beyond annual temperature. Nature Climate Change (2024).
- Bilal, A. & Känzig, D. The Macroeconomic Impact of Climate Change: Global Versus Local Temperature (2026).
- Swiss Re Institute: The Economics of Climate Change (2021).
- Bundesamt für Umwelt (BAFU): Anpassung an den Klimawandel in der Schweiz.
- Bundesamt für Gesundheit (BAG): Gesundheitsrisiken durch zunehmende Hitze in der Schweiz.
- Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein (SIA): Klimadaten für das Bauen.
- Tages-Anzeiger, «Extremeres Wetter, mehr Unfälle und kaputte Infrastruktur: Jedes zusätzliche Grad kostet die Schweiz Milliarden», Juli 2026.











