Von Rosenkohl, Bots und der Frage, wie wir heute politische Debatten führen
Ein kleines Experiment mit erstaunlichem Ergebnis
Wer in den letzten Wochen Beiträge zur Abstimmung über die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative auf Facebook verfolgt hat, konnte ein interessantes Phänomen beobachten.
Unter zahlreichen Beiträgen erschienen immer wieder sehr ähnliche Kommentare. Oft waren es dieselben Schlagworte, dieselben Argumentationsmuster oder sogar identische Formulierungen. Dazu kamen generische KI-generierte Bilder, die von unterschiedlichen Accounts gepostet wurden. Viele dieser Accounts wirkten auf den ersten Blick wenig authentisch: kaum persönliche Inhalte, auffällige Aktivitätsmuster und eine starke Fokussierung auf ein einzelnes politisches Thema.
Natürlich beweist dies für sich allein noch nichts. Politisch engagierte Menschen dürfen dieselben Argumente vertreten. Parteien und Komitees koordinieren ihre Kommunikation seit jeher. Doch die Häufung der Beobachtungen weckte meine Neugier.
Also entschied ich mich für ein kleines Experiment.
Der Honigtopf
Die Grundidee war einfach.
Wenn tatsächlich viele Accounts automatisiert oder zumindest halbautomatisiert auf bestimmte Reizwörter, Bilder oder Kampagnensignale reagieren, müsste es möglich sein, sie mit einem völlig sinnlosen Inhalt anzulocken.
Ich veröffentlichte deshalb einen Beitrag mit der frei erfundenen Parole:
«Nein zu Rosenkohl am 14. Juni.»
Der Beitrag hatte keinen Bezug zur Abstimmungsvorlage. Es ging weder um Migration noch um Bevölkerungswachstum noch um irgendein politisches Sachthema. Die Aussage war bewusst absurd gewählt.
Gleichzeitig orientierte sich die Gestaltung lose an bekannten Abstimmungskampagnen. Das Datum stimmte mit dem Abstimmungssonntag überein. Der Aufbau erinnerte an politische Kampagnenbotschaften. Inhaltlich jedoch ging es ausschliesslich um Rosenkohl.

Mit anderen Worten: Wer den Beitrag tatsächlich las, konnte unmöglich zu dem Schluss kommen, es handle sich um eine Stellungnahme zur Initiative.
Was danach geschah
Das Resultat überraschte selbst mich.
Bereits nach kurzer Zeit erschienen in den Kommentaren KI-generierte Kampagnenbilder zur «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative.
Weitere Accounts reagierten mit typischen Ja-Parolen. Einige posteten Argumente zugunsten der Initiative. Andere beschimpften mich direkt oder warfen mir vor, gegen die Schweiz oder gegen die Interessen der Bevölkerung zu handeln.
Später folgten sogar wütende und teilweise aggressive Nachrichten an meinen geschäftlichen E-Mail-Account.
Der bemerkenswerte Punkt dabei:
Der ursprüngliche Beitrag erwähnte die Initiative mit keinem einzigen Wort.
Trotzdem reagierten zahlreiche Personen so, als würden sie an einer politischen Debatte über genau diese Vorlage teilnehmen.
Inzwischen erreichte der Beitrag mehrere Tausend Personen und löste weit über hundert Reaktionen und Wortmeldungen aus.
Das Experiment funktionierte damit genau so, wie es gedacht war.
Was das Experiment zeigt – und was nicht
Wichtig ist eine saubere Einordnung.
Mein Experiment beweist nicht, dass sämtliche beteiligten Accounts Bots sind.
Es beweist auch nicht, dass eine politische Partei oder ein Abstimmungskomitee solche Accounts steuert.
Diese Behauptungen wären ohne weitergehende Untersuchungen nicht haltbar.
Was das Experiment jedoch sehr wohl zeigt, ist etwas anderes:
Ein Teil der politischen Kommunikation in sozialen Medien scheint heute nicht mehr vom tatsächlichen Inhalt eines Beitrags auszugehen.
Stattdessen reagieren manche Accounts offenbar auf äussere Signale, Schlagworte, visuelle Muster oder bereits laufende Kommentarstränge.
Dadurch entsteht eine Dynamik, bei der Inhalte zweitrangig werden. Entscheidend ist nicht mehr, was gesagt wird, sondern welchem Lager ein Beitrag zugerechnet wird.
Genau deshalb konnte ein Beitrag über Rosenkohl plötzlich zur Projektionsfläche für eine völlig andere politische Debatte werden.
Die Rolle von KI und Automatisierung
Die Entwicklung fällt in eine Zeit, in der die Hürden für automatisierte Kommunikation drastisch gesunken sind.
Mit heutigen KI-Werkzeugen lassen sich innert Sekunden Kommentare, Bilder, Memes und ganze Kampagneninhalte erstellen.
Auch die Verwaltung mehrerer Accounts ist technisch einfacher denn je.
Nicht jede standardisierte Botschaft stammt deshalb automatisch von einem Bot. Oft genügt bereits eine Kombination aus Vorlagen, Copy-Paste-Kommunikation und KI-generierter Inhaltserstellung, um den Eindruck einer grossen und spontanen Bewegung zu erzeugen.
Für die Wahrnehmung der Öffentlichkeit macht dies jedoch oft kaum einen Unterschied.
Wer eine Kommentarspalte besucht, sieht vor allem die Masse der Wortmeldungen. Ob diese von hundert unabhängigen Personen stammen oder von wenigen besonders aktiven Akteuren mit technischen Hilfsmitteln, lässt sich häufig nicht erkennen.
Warum das demokratiepolitisch problematisch ist
Demokratie lebt von Meinungsvielfalt.
Sie lebt davon, dass unterschiedliche Argumente aufeinandertreffen und Menschen ihre Positionen aufgrund von Fakten, Erfahrungen und Überzeugungen bilden können.
Wenn Kommentarspalten jedoch zunehmend von standardisierten Botschaften dominiert werden, verändert sich diese Debatte.
Es entsteht der Eindruck überwältigender Zustimmung oder Ablehnung, selbst wenn die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse viel differenzierter sind.
Menschen orientieren sich nachweislich an sozialer Bestätigung. Wenn sie den Eindruck erhalten, eine Position sei offensichtlich die Mehrheitsmeinung, beeinflusst dies ihre Wahrnehmung.
Gerade deshalb sind künstlich verstärkte Debatten problematisch.
Sie ersetzen keine demokratische Diskussion. Sie simulieren lediglich deren Lautstärke.
Eine unerwartete Erkenntnis
Die vielleicht spannendste Erkenntnis meines kleinen Rosenkohl-Experiments ist eine andere.
Viele der beteiligten (echten) Personen handelten vermutlich nicht aus böser Absicht.
Sie reagierten schlicht auf Signale, die sie aus ihrem politischen Umfeld kannten. Manche dürften den Beitrag gar nie vollständig gelesen haben.
Das zeigt, wie stark soziale Medien unsere Aufmerksamkeit inzwischen fragmentieren.
Wir reagieren immer häufiger auf Symbole, Schlagworte und Zugehörigkeiten statt auf Inhalte.
Der Rosenkohl wurde so unfreiwillig zum Spiegel unserer digitalen Debattenkultur.

Fazit
Das Experiment begann als kleine Spielerei und endete als aufschlussreiche Beobachtung darüber, wie politische Kommunikation im Zeitalter von sozialen Medien und künstlicher Intelligenz funktioniert.
Ob Bots, halbautomatisierte Accounts oder einfach Menschen, die reflexartig auf bekannte Muster reagieren: Das Ergebnis bleibt dasselbe.
Eine demokratische Öffentlichkeit kann nur funktionieren, wenn Inhalte wichtiger bleiben als Reflexe.
Wer auf einen Beitrag gegen Rosenkohl mit vorgefertigten Parolen zur 10-Millionen-Initiative antwortet, zeigt unfreiwillig, wie weit wir uns teilweise bereits von einer echten Auseinandersetzung mit Argumenten entfernt haben.
Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich wieder genauer lesen, bevor wir kommentieren.
Selbst dann, wenn es nur um Rosenkohl geht.
