Im Kantonsrat Luzern haben wir kürzlich über Männergewalt diskutiert. Mein Fraktionskollege Urban Sager hatte einen Vorstoss zum Thema eingereicht, welcher von der Regierung nur ungenügend beantwortet wurde. Ein Thema, das oft auf einzelne Taten reduziert wird – auf Schlagzeilen, auf Eskalationen, auf das, was sichtbar wird, wenn es bereits zu spät ist. Doch Männergewalt beginnt nicht erst bei der Tat. Sie beginnt viel früher. Sie beginnt bei den Rollenbildern, die wir als Gesellschaft tagtäglich reproduzieren.

Mein Votum zum Thema Männergewalt im Kantonsrat vom 30.3.2026

Früh geprägt – ein Leben lang wirksam

Ich erlebe das ganz konkret als Vater von drei Kindern. Wer einmal durch die Kinderabteilung eines Kleiderladens läuft, sieht sofort, wie früh diese Prägung einsetzt: Rosa, Blumen, Prinzessinnen, Röcke auf der einen Seite. Blau, schwarz, Autos, Flugzeuge, Dinosaurier auf der anderen. Das wirkt banal. Ist es aber nicht. Denn Kinder lernen sehr früh, was „richtig“ ist – und was nicht. Was von ihnen erwartet wird. Was zu ihnen „passt“. Und der Versuch, diese Muster bewusst zu durchbrechen, ist anspruchsvoll. Der soziale Druck im Kindergarten und in der Schule ist enorm. Diese Rollenbilder sind nicht naturgegeben. Sie sind gemacht. Und sie wirken.

Männlichkeit als Problem – und als Erwartung

Diese Prägung zieht sich durch unsere gesamte Kultur. In Filmen sind Frauen oft für die emotionale Stabilisierung des männlichen Protagonisten zuständig – oder sie müssen gerettet werden. Männer hingegen lösen Konflikte mit Gewalt. Gegen „die Bösen“. In der Regel andere Männer.

Auch soziale Medien verstärken diese Dynamiken. Algorithmen führen zu Echokammern, in denen sich überholte und teilweise gefährliche Männlichkeitsbilder weiter radikalisieren. Stichwort: Manosphere.

Und wir haben gesellschaftliche Strukturen, die diese Rollenbilder zusätzlich zementieren – etwa die Wehrpflicht, die nur für Männer gilt und bestimmte Vorstellungen von Härte, Durchsetzungsfähigkeit und „Männlichkeit“ reproduziert.

Die Konsequenz: Ein Ungleichgewicht mit Folgen

Was daraus entsteht, ist kein Zufall, sondern eine logische Konsequenz: Viele männlich gelesene Personen lernen zu wenig, mit ihren Emotionen konstruktiv umzugehen. Gleichzeitig wird von weiblich gelesenen Personen erwartet, diese Defizite aufzufangen – im Privaten wie im Beruf. Das zeigt sich auch strukturell: Care-Arbeit ist nach wie vor überwiegend weiblich geprägt – und oft schlecht oder gar nicht bezahlt. Und es zeigt sich in seiner drastischsten Form in den immer wiederkehrenden Schlagzeilen über Femizide.

Gewalt ist kein Zufall

Entscheidend ist: Gesellschaftliche Prägung verstärkt problematische Muster. Das Resultat sehen wir in den Statistiken: Männer sind bei Gewaltdelikten massiv übervertreten. Das ist kein individuelles Versagen einzelner – es ist ein strukturelles Problem.

Prävention heisst: früh ansetzen

Wenn wir Gewaltprävention ernst nehmen, dann müssen wir dort ansetzen, wo diese Muster entstehen.

Bei Kindern.
Bei Jugendlichen.
Bei gesellschaftlichen Erwartungen.

Wir müssen alternative Rollenbilder stärken. Jungen und Männern Wege aufzeigen, wie sie mit Emotionen umgehen können – ohne Druck, ohne falsche Härte, ohne Gewalt. Und wir müssen verhindern, dass problematische Männlichkeitsbilder den öffentlichen Diskurs dominieren.

Ein Blick in den Spiegel

Der Song „Männer“ von Herbert Grönemeyer bringt diese Widersprüche seit Jahrzehnten auf den Punkt: Stärke und Verletzlichkeit, Härte und Bedürfnis nach Nähe. Vielleicht ist genau das der Ausgangspunkt: anzuerkennen, dass Männlichkeit mehr sein darf – und mehr sein muss – als das, was uns über Generationen vermittelt wurde.

Männergewalt ist kein Randphänomen. Sie ist Ausdruck tief verankerter gesellschaftlicher Muster. Und genau deshalb ist es richtig, politisch hinzuschauen – und zu handeln. Nicht erst, wenn etwas passiert ist. Sondern vorher.

Der Vorstoss von Urban Sager wurde vom Kantonsrat immerhin teilweise erheblich erklärt.